Der Wald ist ein besonderer Ort. Und dies ist ein besonderer Wald. Im Bayerischen Wald liegt der erste deutsche Nationalpark. Seit 1970 soll die Natur hier wieder Natur sein, sich Wildnis wieder ausbreiten dürfen. Ein Ausflug mit zwei Harleys ins Grüne, komplett angepasst mit Bio-Benzin und Ökostrom.
TEXT: Michael Orth FOTOS: Arturo Rivas

Die Straße nach Zwieslerwaldhaus führt sanft bergan. Satt und hoch und weich liegt zwischen den Bäumen ein Teppich aus Moos. So dicht stehen an manchen Stellen die Stämme, dass der Blick nur zehn, 20 Meter weit reicht, bis sich die grüne Waldwand schließt. Viel kühler ist die Luft hier noch als dort, wo auf der großen Straße die Sonne schon bis runter auf den Asphalt reicht. Fichtenfrisch riecht es und terpentinig nach Tannenharz und auch nach dunkler, feuchter Erde.
Auf staksigen Beinen fahren zwei dünne Mädchen Rollerblades. Weit ist es nicht mehr. Vorbei an ein paar wenigen Häusern und hinter dem ältesten Gasthof des Bayerischen Walds bald schon links ab. Dann, dort, wo zwischen sturmgeknickten Bäumen am Parkplatz Brechhäuslau das letzte Klo vor dem Urwald steht, ist Schluss. Oder fängt es an? Das ist eine Frage der Perspektive. Um die geht es. Denn wo die Straße endet, beginnt die Wildnis, die Wildnis des ältesten deutschen Nationalparks, des Nationalparks Bayerischer Wald. Ende der 1960er-Jahre hatten der Naturschützer Hubert Weinzierl und der Zoologe und Tierfilmer Bernhard Grzimek gemeinsam den Gedanken aufgebracht, ob es nicht auch in Deutschland langsam mal Zeit wäre für einen Nationalpark. Da war der erste Nationalpark der Welt, der Yellowstone in den USA, immerhin schon über 80 Jahre alt. Keine ganz neue Idee also. Aber in Deutschland damals immer noch eine revolutionäre und gleichsam irrwitzige: dass die Natur sich nach ihren eigenen Gesetzen entwickeln soll und der Mensch sich mit seinen Ansprüchen und Bedürfnissen herauszuhalten hat. Das fällt ihm so gar nicht leicht, dem Menschen. Er hält sich nicht gerne raus, weil er denkt, dass ihm ja sowieso alles gehört, weil er meint, er sei ein Teil der Natur, insofern er sie beherrschen und ausbeuten und seinen Regeln unterwerfen kann. Nur ein Prozent der Landfläche Europas, ein einziges Prozent, ist noch frei von seinem Einfluss.


Auf der anderen Seite wird fleißig mystifiziert. Vor allem dem deutschen Wald wird seit jeher, spätestens aber seit Rotkäppchen und Hänsel und Gretel, ja so einiges angedichtet. Im Wald ist entweder Rauschen oder über allen Wipfeln Ruh. Er ist ein deutscher Topos, ein vielfach aufgeladener, um nicht zu sagen überladener Ort, märchenhaft verklärt von Dichtern und Denkern und Spinnern als geheimnisvolle Verkörperung des Antiurbanen, als Gegen-begriff zum Verbildeten der Zivilisation, als Ort des Heilenden und der Erkenntnis, wo man beim Waldbaden dem Zwangsgriff des Modernen entkommen und wieder zu sich selbst finden könne. Oder man verliert sich im Unterholz verschwurbelter Vorstellungen.
Um am Großen Arbersee von der Realität ganz schnell wieder eingeholt zu werden. Was die armen Enten dort nicht alles beobachten müssen. Ausflugsmenschen jeden Alters, wie sie in quietschkarierten Funktionshemden, mit Rucksäcken und Ferngläsern behängt die Uferwege entlangstratzen, sich in Begleitung ihrer Kinder gerne auf Tretbooten abstrampeln, in Liegestühlen Diätlimo oder beschirmte Mixgetränke schlürfen, halbstarke Hampelmänner, die in ihren Knallkarren die Straße entlanglärmen, und Horden von Motorradfahrern, die auf der Suche nach Erleuchtung im Kurvenparadies wochenendlich den Großen Arber umrunden. Gerade aber, es ist Mittwoch und noch früh, sind wenige unterwegs. Einer von ihnen, eben hat er seine Guzzi an die Straße gestellt, will wissen, ob das „diese Strom-Harley“ ist. Er meint die LiveWire, und ja, das ist diese Strom-Harley. Die andere hat Thorsten Ihlo sich vor einigen Jahren aufgebaut: Shovelhead, Starr-rahmen von 1952, 1400 Kubik, scharfe Nockenwellen und was nicht noch alles. Am Vorabend hat sie für die National-park-Runde einen ganz speziellen Cocktail bekommen: regenerativen Kraftstoff aus dem ReFuels-Projekt des KIT in Karlsruhe. Mit dem grünen Benzin aus Biomasse, verwendet sonst nur zu Forschungszwecken, ist sie nicht weniger umweltverträglich und CO₂-neutral unterwegs als die LiveWire. Nachhaltig ist „der alte Zossen“ ohnehin. Ob die E-Harley in 70 Jahren noch läuft?



Ob das eine Rolle spielt? Ob wir Menschen noch eine Rolle spielen? Ob das dann bitte eine andere sein kann als heute, eine bescheidenere, nicht selbstherrlich monologi-sierend auf einem Thron hockend, den wir eigenhändig in der Mitte der Bühne platziert haben? Wir könnten sofort anfangen, die neue Rolle einzustudieren. Lehrer gibt es g enug. „Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie Macht ausüben“, haben Horkheimer und Adorno vor 75 Jahren in der „Dialektik der Aufklärung“ geschrieben und dabei eben auch die Natur gemeint, die innere wie die äußere. 1836 schon hat Ralph Waldo Emerson in seinem Essay „Nature“ dargelegt, dass wir uns um ein unmittelbares Erleben und eine wirkliche Wahrnehmung der Natur bemühen sollten, anstatt immer nur unser Verständnis oder unsere Sehnsüchte in sie zu tragen. Die Ästhetik der Natur sei nun mal nicht beschränkt auf das Wohlgefühl, das sich bei der Betrachtung ihrer Schönheit einstelle. Erfahrung und sinnliches Erleben ist für ihr Verständnis wichtiger als Fakten wissen, meinte Emerson. Sein Kumpel Thoreau konstatierte: „Wir pflegen die Wichtigkeit unserer Werke zu überschätzen. Und doch. Wie viele Dinge geschehen ohne unser Zutun?“ Die Wurzeln des wahren Lebens wollte er im Wald suchen, in der unberührten Natur, weil sich dort alle Formen von Lebendigkeit fänden. Im Bayerischen Wald zum Beispiel die Mopsfledermaus, Raufußhühner, Luchse, Biber, der ZottenbockKäfer und hin und wieder Elche, die von Tschechien rüberkommen; epiphytische Moose, Schwingrasenmoore, der Blaue Tarant, die Vielteilige Mondraute, das Grüne Koboldmoos, die Zitronengelbe Tramete und der Woid Woife. Der heißt eigentlich Wolfgang Schreil und hat, irgend wo im Wald, einen alten Wohnwagen zu seinem „Hoamatl“, seiner Heimat, gemacht. Er wohnt dort nicht. Aber er fühlt sich dort wohl. Der Woid Woife sagt Sachen wie: „Nichts ist mir fremd hier draußen. Ich fühle mich heimisch in der Natur. Zu sehen, wie sich die Lebenskreisläufe schließen, das hilft mir sehr, das bringt mir Ruhe. Egal wo man ist im Wald, es gibt immer etwas Wunderschönes zu entdecken.“ Bücher hat der Woife dar über schon geschrieben, darüber wie „die Geheimnisse des Waldes und die Kraft der Natur“ zu entdecken und zu erleben sind Erleben, das ist es. Vom Verstehen ist nicht die Rede. „Wir wissen nicht“, sagt er und rückt sich seinen Hut zurecht, „aber wir urteilen trotzdem von morgens bis abends. Da-bei ist die Natur die einfachste und schönste Welt, die es gibt, wenn wir nicht urteilen und stattdessen mal die Krone der Schöpfung absetzen.“ Und dann sieht er plötzlich zur Seite, hebt zackig einen Finger und sagt: „Düt, düt, düt!“
Ein Gimpel. Der Woid Woife erkennt den in allem anderen Gepiepse sofort, hält inne und meint: „Gleich kommt er da rum, dann siehst du ihn hier auf dem Ast.“ Und genau so passiert’s, und der Woid Woife freut sich. Nicht weil er recht hatte, sondern am Gimpel. Die Freude begleitet den weiteren Weg am Nationalpark entlang und hier und dort immer mal wieder ein Stück weit hinein. Nur selten aber lässt sich das machen. Die meisten der ohnehin wenigen Straßen im Nationalpark sind gesperrt oder nur frühmorgens und am Abend zu nutzen. Der Weg hoch nach Waldhäuser ist eine Ausnahme. Und so schön das ist, dort ganz gemächlich entlangzufahren, schließlich aus dem dichten Blätterdach aufzutauchen und sich was aufs gute Gewissen einzubil-den, weil ja die LiveWire mit Ökostrom summt und die Shovelhead mit Biobenzin ballert, so deutlich ist, als der Blick über die Höhenzüge bis hin zum Großen Rachel reicht, noch die Unterhaltung mit dem Woid Woife in Erinnerung. Seine Offenheit, sein Optimismus und seine Sicht der Dinge, sein Bekenntnis zum Nationalpark und zur Wildnis. Wildnis, das heiße, dass wir Menschen nicht eingreifen und den Dingen ihren Lauf lassen, so wie es die Natur vorgebe. „Was wir als normal empfinden, ist doch nicht mehr als ein Wimpernschlag. In nur 100, 150 Jahren haben wir Menschen die Natur, die ganze Welt so verändert, dass sich alles nach uns richten soll. Aber es ist nicht richtig, was wir machen und wie wir es machen.“ Manches schon: die Brötchen nämlich, die Carrie, Thorstens Freundin und bald seine Frau, uns morgens geschmiert hatte. „Siehst du, so ist Carrie“, sagt Thorsten und zeigt das Edding-Herz auf seiner Brötchentüte. Wir kauen und lächeln still in uns hinein, weil es manchmal mehr nicht braucht. So ließe sich den ganzen Tag un-weit von Guglöd auf einem umgekippten Baum überm Bach sitzen. Dann aber ließe sich ja nicht fahren und den Waldschrat besuchen. Der Waldschrat hat mal Chemie studiert und als Ingenieur Armaturenbrettfolien für die Autoindustrie entwickelt. Sein Leben war das nicht. Sein Leben waren die Hunde, und sie sind es auch heute noch. Gemeinsam mit 48 Schlitten- und anderen Hunden leben der Wald schrat – er heißt eigentlich Thomas Gut – und seine Lebensgefährtin Anke auf dem Huskyhof bei Flanitzmühle, wo sie seit fast 35 Jahren die erste Schlittenhunde-Schule Deutschlands betreiben. Wobei die Hunde die Schule ja weniger brauchen als die Menschen, die mit ihnen umgehen wollen. „Wenn die dich nicht akzeptieren“, sagt Thomas, „zeigen sie dir den Finger. Wenn du möchtest, dass sie dich akzeptieren, hat dein persönlicher Ehrgeiz keine Rolle zu spielen. Du musst ihnen und sie müssen dir unbedingt vertrauen können. Immer“, schiebt er hinterher, „nicht nur wenn du in der echten Wildnis bist.“ Die echte Wildnis? Findet der Waldschrat im Nationalpark eher nicht. Zumal er mit den Hunden am Schlitten dort nicht mal fahren dürfte. „Wenn es denn wirklich Wildnis wäre. Das ist die Natur im Park aber noch nicht und auch noch lange nicht. Noch ist es der Rest von einem Forst, und an den Rändern hat man Parkplätze für Zigtausende Menschen. Konsequent wäre doch, man hätte ein Gebiet, wo gar niemand rein darf.“

Vielleicht braucht es das aber auch nicht. Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass wir im Nationalpark lernen können, der Natur anders zu begegnen, sie anders kennenzulernen. Und uns selbst bestenfalls auch: als kleinen Teil eines Zusammenhangs, der weit über unsere Gier, unseren Kontroll- und Regelwahn und auch über unser Verständnis hinausgeht. Für den unser Verstand vielleicht sowieso nicht das richtige Instrument ist.

Das findet auch der Mann mit dem Vogel. Er formuliert es anders, aber eigentlich läuft es doch darauf hinaus. Der Mann heißt Dieter Betz, der Vogel Burli. Burli ist ein Steinadler und sitzt im Greifvogelpark Grafenwiesen auf Dieters Arm, die Köpfe nah beieinander, und, Mann, ist so ein Schnabel groß und ein ganz schöner Haken, und dauernd guckt Burli, als habe er wirklich, wirklich schlechte Laune. Dieter guckt ganz entspannt, als er fallen lässt: „Wenn der zupackt, hat er einen Druck von 180 Kilo auf der Kralle.“ So einen Saurier setzt man sich doch nicht einfach auf den Arm. Dieter muss grinsen. „Nein, der setzt sich nicht so einfach auf deinen Arm. Das Zähmen, es nennt sich abtragen, dauert. Es braucht viel Zeit und viel Vertrauen, sodass der Vogel lernt, dass das ein sicherer Ort ist bei dir.“ Dieter krault Burli an der Brust. „Das geht nur, wenn man sein eigenes Ego vergisst und ist wie ein Baum, wo er sitzen kann.“
Was für ein Baum würde man sein und wo würde man stehen wollen, müsste man kein Mensch sein? Eine Birke wäre nicht schlecht, im Ur-wald irgendwo in der Nähe von Zwieslerwaldhaus, wo einem das Moos wie ein schwerer, feuchter Teppich auf den Wurzelfüßen läge.



TOURDAUER:
circa 3,5 Stunden (reine Fahrzeit)
GEFAHRENE STRECKE: 130 km (ohne Schleifen und Abstecher)
1. Von Thenried nach Ramsried, dort rechts in den Ammermühlweg durch den Wald bergauf zur Wolframslinde, ein paar Meter wieder zurück, dann rechts dem asphaltierten Weg durch den Wald nach Bad Kötzting folgen, im Kreisverkehr links, am Herrenweiher rechts zum Greifvogel-park Grafenwiesen
2. Entlang des Weißen Regen bis zur ST 2140 und 2138, Richtung Osten über Arrach, Lam, Lohberg und den Scheiben-sattel zum Großen Arber und dem weiter südlich gelegenen Arbersee. Optional: vor dem Großen Arber ein Abstecher östlich nach Bayerisch Eisenstein und Markt Eisenstein in Tschechien. Weitere Option: hinterm Arbersee rechts nach Bodenmais und in einer Extraschleife um den Arber über Drachselsried, Arnbruck, Arrach. Oder auf dem selben Weg wieder zurück und an der Kreuzung scharf rechts auf die ST 2137 und weiter zur B 11. Zwei Kilometer bis Linksabzweig „Zwieseler Waldhaus“.
3. Auf derselben Straße zurück zur B 11 und zum Nationalparkzentrum Falken-stein, optional am „Gasthaus Ludwigs thal“ links bis Schleicher, dort wieder retour zur B 11, links und an der nächsten Kreuzung wieder links nach Oberlindberg mühle. Hier entweder am Rand des Nationalparks weiter bis Spiegelhütte und Schloss Bu-chenau und immer wieder den Mühlbach kreuzend über den Golfpark Oberzwiese-lau zur ST 2132. Kürzer ist der Weg dorthin über Lindberg und Unterzwieselau. Auf der ST 2132 Richtung Süden. Ab stecher zur Trinkwassertal sperre Frauenau.
4. Für einen weiteren Abstecher lässt sich dem Linksabzweig nach Klingenbrunn Bahnhof folgen. Oder der ST 2132 weiter bis Spiegelau. Dort im Kreisverkehr links und auf die Nationalparkstraße. Vom Parkplatz Diensthüttenstraße darf vor 8.00 und nach 18.00 Uhr der Weg zur Ra-cheldiensthütte befahren werden. Dem ist wieder zurück zur Nationalparkstraße zu folgen. Dort links und bald dem Schild nach Guglöd folgend wieder links. Nach Guglöd links und zunächst entlang der Kleinen Ohe nach Waldhäuser. Nach 16.00 Uhr darf hinter dem Weiler weiter der Straße gefolgt werden, die direkt zum Nationalparkzentrum Lusen führt. Sonst gilt auch hier: umdrehen. Dann an der Kreuzung links auf die Nationalparkstraße und zum Ziel am Nationalparkzentrum.
DER BESONDERE TIPP
Zu Fuß gehen. Nicht nur zum Klo. Sondern einen ganzen Tag lang. Man nennt es wandern. Nur so kommt man zu den schönsten Stellen im Nationalpark. Gerne auch mit Führung, denn die Ranger kennen spezielle Wege und wissen Verblüffendes von der Natur zu erzählen. www.nationalpark-bayerischer-wald. bayern.de/besucher/fuehrungen


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